Samstag, 01.04.2017 - 15:00 Uhr

Vom Zerfall europäischer Imperien

Werkstattgespräche im Rahmen von »Eurotopia«
In drei parallel ablaufenden Werkstattgesprächen setzen wir uns mit europäischer Vergangenheit aus verschiedenen Perspektiven auseinander: Was können wir heute verstehen lernen, wenn wir uns den Zerfall dreier europäischer Imperien näher anschauen? 

1. Vom Zerfall des römischen Imperiums:
Ralph Bollmann, Journalist der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und Publizist, vertritt in seiner 2006 erschienenen Monographie „Lob des Imperiums“ die These, dass die römische Spätantike als ein Nebeneinander der Kulturen und Religionen zu den glücklichsten Perioden der Menschheitsgeschichte geführt habe. Imperiale Ordnungen, so Bollmann, seien nicht nur von größerer Liberalität und Toleranz gegenzeichnet als exklusive, kleinräumige (z. B. nationalstaatliche) Ordnungen, sondern begünstigen auch den allgemeinen Wohlstand und fördern den friedlichen Austausch von Gütern und Ideen. Mit dieser Sicht bezieht Bollmann gegen eine wohlfeile Globalisierungskritik Position: Was können wir von Rom und dem Zerfall des antiken Imperiums im „fernen Spiegel“ lernen? 

2. Vom Zerfall des sowjetischen Imperiums:
Was machen Politiker, wenn sie nicht mehr weiter wissen? Sie suchen nach Ideengebern wie Gerald Knaus. Der Wirtschaftswissenschaftler war an der Entwicklung des umstrittenen Flüchtlingsdeals mit der Türkei beteiligt, der jedoch an den europäischen Realitäten scheitert. Zusammen mit Freunden und Kollegen gründete er nach dem Kosovokrieg 1999 in Sarajevo die European Stability Initiative, kurz ESI. Die internationale Forschergruppe setzt sich die Förderung von Wissenschaft und Forschung über aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen in Europa zum Ziel. Die ausgiebige Erfahrung in Südosteuropa macht Gerald Knaus zum Experten für unser Werkstattgespräch zum Zerfall des Sowjetischen Imperiums.

3. Vom Zerfall der Kolonialmächte Europas:
Manuela Boatcă, Professorin für Soziologie an der Universität Freiburg, verhandelt in ihrem Werkstattgespräch die koloniale Vergangenheit Europas und geht anhand von alltäglichen Artefakten auf Spurensuche nach heutigen Formen imperialer Handlungsmuster. Die These, die sie für das Werkstattgespräch formuliert hat, lautet: Der europäische Kolonialismus wirkt nicht nur nach, sondern ist auch in seiner längst als überwunden erachteten Form von Kolonialverwaltung in den heutigen Überseegebieten Frankreichs, Dänemarks, Großbritanniens, der Niederlande, Portugals und Spaniens präsent. Davon betroffen sind die Außen- sowie die Binnengrenzen der Europäischen Union, aber auch unser Verständnis von Staat, Nation und Staatsbürgerschaft.

Im Anschluss wird Dr. Johan Schloemann, Philologe und Historiker, der als Feuilleton-Journalist der Süddeutschen Zeitung tätig ist, die drei Werkstattgespräche auf dem Podium zusammenführen: Was können wir aus den drei imperialen Zerfallsgeschichten für Europa lernen?