DEPOT ERBE

Ein TANZFONDS ERBE Projekt
Theater Freiburg & Museum für Neue Kunst

25.3.17 Tagung | Ausstellungseröffnung | late night performance
26.3. bis 1.5.2017 Ausstellung | Performance

[See below for English version.]

»Ich war ganz zufrieden, entwurzelt zu sein, weil ich eben den Einfluss der Wurzel auf mich fürchtete. Als ich auf der anderen Seite war, gab es keinerlei Wurzeln, da ich in Europa geboren war. Ich befand mich in einem angenehmen Bad, weil ich ruhig schwimmen konnte, während man nicht ruhig schwimmen kann, wenn es zu viele Wurzeln gibt. Verstehen Sie?«
(Marcel Duchamp) 

Als Gertrude Stein einst gefragt wurde, ob sie im selbst gewählten Pariser Exil nicht die USA vermisse, antwortete sie: »Wozu hat man Wurzeln, wenn man sie nicht mitnehmen kann?« 70 Jahre später ist die Frage nach kulturellen Wurzeln aktueller denn je. Über 175 Millionen Menschen leben außerhalb ihres Heimatlandes, 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht vor Kriegen und Verfolgung. Emigration, Intensivierung der Menschen- und Geldströme, berufliches Nomadentum, Verdichtung der Verkehrsnetze und Massentourismus lassen neue transnationale Kulturen hervortreten, die zu Veränderungen und zu Verwerfungen von Identitäten, Ethnien und Nationalitäten führen. Vor welche kulturellen Herausforderungen stellt uns Multikulturalismus als längst nicht mehr neue, aber sich stetig verändernde Bewegung? Können wir über transnationale Gesellschaften nachdenken jenseits des Gedankens, ein Mensch sei primär Träger seiner Herkunft? Wie ist es inmitten dieser Fragen um die Relevanz von kulturellen Wurzeln bestellt? In deren Namen entwickeln sich Rassismus und traditionalistische Ideologien rasant und befördern Ausschluss, während sich mit jedem Migrationsstrom Phänomene von Entwurzelung häufen, die zur Verblassung zahlreicher Identitäten führen. In diesem kulturellen Zwiespalt nehmen obsessive Gedanken von Zugehörigkeit, Besitz und Abstammung erneut ihren Lauf.

Die Sparte Tanz & Performance und das Museum für Neue Kunst setzen sich mit hiesigen Abstammungslogiken auseinander und gründen ein Erbdepot, um kulturelles Erbe neu aufzuteilen.

Genealogische Konzepte von Abstammung und Zugehörigkeit erscheinen uns in Zeiten ökonomischer und politischer Migrationsströme obsolet. Wir produzieren einen Blick in die Zukunft und fragen: Wer sind unsere Erben und können wir mit ihnen über ihre Rolle diskutieren? Der Frage nachgehend, wem geistiges Eigentum heutzutage gehört und in wessen Besitz Kulturgut übergeht, diskutieren internationale Künstler über die Zukunft ihres Materials und erfinden Formate der Übergabe an die Besucher. Ein performatives Museum, das Transmissionsketten produziert und sich fragt, was ein Nachkomme ist, wenn nicht nur Träger von Vergangenheit.

Nach der vorangegangenen Spielzeit, in der Zuschauer-Ermächtigung und die Frage nach den Akteuren von Geschichtsschreibung für die Tanz- & Performance-Sparte im Vordergrund standen, vereint das DEPOT ERBE die Idee einer am kulturellen Dialog beteiligten Zuschauerschaft mit der Frage nach der Produktion heterogener Visionen von Geschichte. 

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DEPOT ERBE
Ein TANZFONDS ERBE Projekt
Theater Freiburg & Museum für Neue Kunst

25.3.17 Conference | Vernissage | late night performance
26.3. until 1.5.2017 Exhibition | Performance

››I was quite happy to feel like that, precisely because I was afraid of being influenced by my roots. When I was in the US, I had no roots at all because I was born in Europe. So it was easy, I was bathing in a calm sea where I could swim freely; you can’t swim freely when you get tangled up in roots.‹‹ (Marcel Duchamp)

When Gertrude Stein was once asked whether she missed the United States in her self-chosen exile in Paris, she responded: ›› What good are roots if you can't take them with you? ‹‹ 70 years later, the question of cultural roots is more topical than ever. More than 175 million people are living outside their homeland, 60 million people worldwide are fleeing from wars and persecution. Emigration , the intensification of flows of people and money, professional nomadism, the densification of traffic networks, and mass tourism give rise to new transnational cultures leading to changes and ruptures of identities, ethnicities and nationalities. What cultural challenges does multiculturalism, as a no longer new but constantly changing movement, pose? Can we reflect on transnational societies beyond the notion that humans are primarily carriers of their descent? How relevant are cultural roots amidst all these questions? Racism and traditionalist ideologies develop rapidly in their name and promote exclusion, while phenomena of uprootedness spread with each migration flow and lead to the waning of numerous identities. In this state of cultural conflict, obsessive notions of belonging, property, and descent take their course anew.

The Dance & Performance Section and the Museum für Neue Kunst engage with local logics of descent and establish a Heritage Depot to newly distribute cultural heritage.

In times of economic and political migration flows, genealogical concepts of descent and belonging appear obsolete. We produce a view to the future and ask: Who are our heirs and can we discuss their role with them? Pursuing the question of whom intellectual property belongs to today and who takes possession of cultural assets, international artists discuss the future of their material and invent formats of handing over to the visitors. A performative museum that produces transmission chains and asks itself what a descendent is, if not a carrier of the past.

After the previous season which focused on the empowerment of the audience and the question of the actors of historiography for the Dance & Performance Section, the HERITAGE DEPOT will combine the idea of an audience participating in a cultural dialogue with the question of the production of heterogeneous visions of history.

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Antonia Baehr & Neele Hülcker | Josep Caballero García & Dani Brown | LIGNA | Herbert Maier | Anne Mousselet & Etienne Bideau-Rey | Ivana Müller & Paula Caspao, Ant Hampton, Bojana Kunst, Paz Rojo, Jonas Rutgeerts, David Weber-Krebs | Mickaël Phelippeau | plan b | Jochen Roller | Graham Smith | Olga de Soto | Helen Schröder | Stan’s Cafe | David Weber-Krebs | Christin Vahl | WLDN/Joanne Leighton | Isa Wortelkamp u.A. | Künstlerische Leitung: Anne Kersting in Zusammenarbeit mit Ann-Christin Görtz, Janne Callsen (Theater Freiburg), Christine Litz (MNK), Katharina von Wilcke

Das detaillierte Programm zum DEPOT ERBE wird im Januar 2017 erscheinen.
The detailled program will be published January 2017.

Ein Projekt der Tanz- & Performance-Sparte am Theater Freiburg und des Museum für Neue Kunst Freiburg.

Gefördert von TANZFONDS ERBE – eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes. DEPOT ERBE © Anne Kersting