NACH GOTT. REDEN ÜBER RELIGION NACH IHRER ENTZAUBERUNG

Eine Veranstaltungsreihe des Theater Freiburg und des Institut für Soziale Gegenwartsfragen Freiburg in Kooperation mit SWR2.

 

NACH GOTT. REDEN ÜBER RELIGION NACH IHRER ENTZAUBERUNG


Unter dem Titel „Nach Gott. Reden über Religion nach ihrer Entzauberung“ erkunden die Vorträge der Sonntagsmatinéen das Diktum vom Tode Gottes, das von den Denkern der Moderne wie Nietzsche ausgerufen wurde. Über die Reflektion der Moderne hinausgehend widmet sich die Reihe der Frage nach der Religion, von der Zeit der alten Götterherrschaft über die Entstehung und Politiken der großen Monotheismen, bis zu den Technoutopien über das gottähnliche Vermögen der künstlichen Intelligenz. Die einzelnen Vorträge bewegen sich hierbei jenseits der theologischen Diskussion, die von der Existenz eines Gottes ausgeht; die Debatten bewegen sich vielmehr auf dem unsicheren Terrain einer „Dekonstruktion des Christentums“, wie es der französische Philosoph Jean-Luc Nancy benennt und behandeln die verschiedenartigen kulturellen, politischen sowie theoretischen Konstruktionen, die mit dem Glauben an einen Gott einher gehen.

Ausgehend von einer solchen Dekonstruktion wird die Thematik der Vorlesungsreihe nicht ausschließlich im Sinne eines temporalen „Nach“ aufgefasst, sondern zudem unter der Überschrift einer „Frage nach“ Gott behandelt. Diese Dekonstruktion beruht darauf, beispielsweise das Christentum selbst als den Akt einer fortwährenden Dekonstruktion zu verstehen: in der Kreuzigung Christi scheint der Tod Gottes entschieden und damit das Ende der Religion. Dieses Ereignis ist allerdings weniger nur im Sinne eines zeitlichen „Nach“ zu behandeln, denn als Ende allzu einfacher Gewissheiten, gefahrvoller Ideologien und Fixierungen auf die Abgeschlossenheit von Identitäten – und damit jenen vermeintlichen Sicherheiten, die gegenwärtig den Ausschlag geben für die geopolitischen Konflikte religiösen Ursprungs. Die Reihe beinhaltet insofern vielmehr ein Fragen nach Gott, womit das „Nach“ im Sinne einer Gerichtetheit auf Gott als das Offene und damit auch das noch Zukünftige zu verstehen ist.

Die Beiträge bewegen sich damit auch auf der Grundlage einer theo-poetischen Selbstaufklärung, die die Entstehung des Glaubens in einem vielmehr dichterischen Verhältnis zu Gott ansiedelt. Denn, vielleicht war Religion, vor jeder Entstellung durch fixe Glaubenssysteme, immer schon Dichtung. Nicht Gott hat den Menschen erschaffen, der Mensch hat Gott geschaffen: Die Dichter haben die Götter gezeugt. Religion ist Theopoesie, auch Offenbarung ist Poesie. War dies bereits mit den alten Mythologien der Fall, so kam es erst heute, in der Moderne, mit Jean Paul, mit Nietzsche und schließlich mit Freud, ganz zu Bewusstsein. Soziologen wie Luhmann zuletzt haben den „Beobachter-Gott" des Monotheismus vollends entzaubert, als bloße Personifikation in der Erfahrung der Transzendenz: als Einheit von Beobachter und Beobachtung, womit Religion zu einer Theorie der posttheologischen Beobachtung wird. Auch der Begriff der Transzendenz muss dann innerweltlich interpretiert werden, indem die Unbeobachtbarkeit nun im Medium des Sinns ausgedrückt wird.

An diese Umkehrung der Verhältnisse schließen auch die kritischen Befunde an: Denn die Frage nach Gott ist heute nicht mehr nur im Bewusstsein angesiedelt, sondern ist auch mit Bezug auf die künstliche Intelligenz und die beobachtenden Kommunikationssysteme zu stellen. Auch drückt sie sich im profanen Atheismus der Warengesellschaften aus, die das ursprünglich theo-poetische Verhältnis extrem verarmen. Als Reaktion darauf verbreitet sich in der postmodernen Gesellschaft kompensatorisch zur Dekonstruktion von Religion eine Wucherung esoterischer Poesie; in vorsäkularisierten Verhältnissen dagegen - Immunreaktion auf den Nihilismus der Weltmassenmedien - setzt sich ein Fundamentalismus des Glaubens und des religiösen „Gesetzes" fest. Die „Reden über Religion nach ihrer Entzauberung" widmen sich insofern der theo-poetischen Aufklärung über die Theologie. Auf diesem Weg muss die sich selbst aufklärende Theologie, durchgeführt von Nicht-Theologen, weit vor der Todeserklärung Gottes durch Nietzsche ansetzen und über dieses Diktum hinaus die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft der Frage nach Gott erkunden.

 

INSTITUT FÜR SOZIALE GEGENWARTSFRAGEN FREIBURG


Das Institut für Soziale Gegenwartsfragen Freiburg ist eine transdisziplinäre Einrichtung zur diskursiven Bearbeitung aktueller sozialer Fragen.

1990 gründete das Institut die „Freiburger Kulturgespräche im Marienbad" mit der Frage WAS MACHT DAS DENKEN NACH DER GROSSEN THEORIE? und weitere diskursive Salons mit Peter Sloterdijk, Bazon Brock, Hans Georg Gadamer, Niklas Luhmann, George Steiner, Norbert Bolz u. v. a.

Ab 1997 präsentierte das Institut die Reihe DENKER AUF DER BÜHNE über Heidegger, Nietzsche, Adorno, Luhmann im Theater Freiburg in hochprominenter Besetzung. Ab 2005 (in Kooperationen) initiierte es die Reihe CAPITALISM NOW mit dem Theater Freiburg.

Kuratiert von Christian Matthiessen und Anne Schreiber. 

 

VERANSTALTUNGEN

05/05/2019 // Peter Sloterdijk: Das unfertige Gedicht. Elemente allgemeiner Theopoesie.

05. Mai 2019 // 11 Uhr // Großes Haus

Sloterdijk redet von der Gattungsdifferenz von Gedichten, die als solche erkennbar sind, weil sie die rituelle Rahmung nicht in vollem Maß haben, und solchen Gedichten, die durch Rituale zu Übergedichten erhöht werden.

Peter Sloterdijk ist ein deutscher Philosoph, Kulturwissenschaftler und Buchautor, der mit seinen Beiträgen und Büchern zahlreiche Debatten ausgelöst hat. Er lehrte bis 2017 an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe Philosophie und Ästhetik.

27/10/2019 // Jean-Luc Nancy: Fulget amica dies

27. Oktober 2019 // 11 Uhr // Großes Haus

Wenn Gott (deus) der Tag (dies) ist, also das, was anbricht - warum sollte er dem vorbehalten sein, was wir Religion nennen? Oder kennen wir wahrhaftig, was wir in solch verworrener Weise benennen?

Die Arbeiten des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy sind als eine „Dekonstruktion des Christentums“ zu verstehen. Mit dieser Dekonstruktion wird die Thematik der Vorlesungsreihe unter der Überschrift einer „Frage nach“ Gott behandelt. Nancy zielt nicht auf eine Dekonstruktion des Christentums ab, sondern plädiert vielmehr dafür, das Christentum selbst als den Akt einer fortwährenden Dekonstruktion zu verstehen: In der Kreuzigung Christi scheint der Tod Gottes entschieden und damit das Ende der Religion. Dieses Ereignis ist allerdings weniger im Sinne eins zeitlichen „Nach“ zu verstehen, denn als Ende allzu einfacher Gewissheiten, gefahrvoller Ideologien und Fixierungen auf die Abgeschlossenheit von Identitäten.

Die Dekonstruktion des Christentums beinhaltet insofern ein fortwährendes Fragen nach Gott, womit das „Nach“ vielmehr im Sinne einer Gerichtetheit auf Gott als das Offene und damit auch das noch Zukünftige zu verstehen ist.

Jean-Luc Nancy ist ein französischer Philosoph, der in der Tradition der Dekonstruktion und Phänomenologie steht und zu den bekanntesten Philosophen der Gegenwart zählt. Neben seiner Auseinandersetzung mit aktuellen politischen und religiösen Thematiken hat Nancy Studien zur Ontologie der Gemeinschaft, zur Metamorphose des Sinns sowie zur Bildtheorie verfasst.

17/11/2019 // Manfred Frank: Wozu Dichter in dürftiger Zeit? 

17. November 2019 // 11Uhr // Großes Haus 

Die „dürftige Zeit“, über deren Eintritt und Überwindung Hölderlins berühmte Elegie Brod und Wein sinnt, ist die Zeit nach dem Tode Gottes und der übersinnlichen Welt. Manfred Franks Vortrag stellt sie in den frühromantischen Kontext der „Neuen Mythologie“, die an die Stelle des alten Sinngaranten Religion treten soll – und wie die alte nichts sein soll als intersubjektiv verbindlich gemachte konzertierte Dichterfantasie. So tritt die Dichtung (und – pars pro toto – die Kunst) an die Stelle der Religion und ersetzt/bewahrt deren sinnstiftende Kraft. Frank wird besonders auf die dem „kommenden Gott“ Dionysos zugedachte Rolle eingehen und den gesamten kritischen Kontext vergegenwärtigen, nicht minder die erstaunliche Wirkungsgeschichte dieser nur scheinbar weltfremden Utopie.

Manfred Frank ist ein deutscher Philosoph und emeritierter Professor für Philosophie an der Universität Tübingen. Seine Forschungsschwerpunkte sind der deutsche Idealismus und die Philosophie des Geistes

26/01/2020 // Jan Assmann: Nach Gott - aber nach welchem? 

26. Januar 2020 // 11 Uhr // Großes Haus 

Es geht darum zu zeigen, dass es vor der Zeit des Glaubens an Gott, deren Ende wir empfinden, eine Zeit „vor Gott“ gab, in der ganz andere Götter und auf ganz andere Weise verehrt wurden. Wenn vom Verschwinden oder gar vom „Tod“ Gottes die Rede ist, scheint es geboten, sich auch über die Heraufkunft dieses Einen Gottes Klarheit zu verschaffen, die das Ende, das Verschwinden oder den Tod der alten Götter bedeutete.

Jan Assmann ist ein deutscher Ägyptologe, Religionswissenschaftler, Kulturwissenschaftler und Emeritus der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Assmann beschäftigt sich insbesondere mit Erinnerungskulturen.

23/02/2020 // Seyran Ates: Plädoyer für einen islamischen Luther

23. Februar 2020 // 11 Uhr // Großes Haus 

Die Frage, ob der Islam reformierbar und somit zeitgemäß auslegbar ist oder nicht, spaltet die orthodoxen und traditionellen Muslime von den liberalen Muslimen - eine Tatsache und Dynamik, die nicht nur in der muslimischen Religionsgemeinschaft zu beobachten ist. Seyran Ates berichtet über Erfahrungen zu dem Thema, vor allem aus der Ibn Rushd-Goethe Moschee.

Seyran Ates ist eine deutsche Rechtsanwältin, Autorin und Frauenrechtlerin und Mitbegründerin der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, die für einen liberalen Islam steht.

22/03/2020 // Bazon Brock: Neuer Mensch - neue Götter 

22. März 2020 // 11 Uhr // Großes Haus 

Genetik als Schöpfungspoesie

Das Konzept des Neuen Menschen prägte die Politiken in der Sowjetunion wie in Deutschland, in Israel, in Frankreich und Italien. Die Basis war Optimierung durch Züchtung. Das Konzept Wird jetzt durch die Genetik global verbindlich - mit welchen Konsequenzen jenseits von Orwell, von ISIS, von Industrienormen? Worauf es ankommt, ist sicherlich die Überformung von Globalität durch Universalität aus dem Geiste der Metaphysik.

Bazon Brock ist emeritierter Professor für Ästhetik an der Bergischen Universität Wuppertal, Künstler und Kunsttheoretiker. Brock gilt als Vertreter der Fluxus-Bewegung.

03/05/2019 // Sigrid Weigel: Nach Gott - Musik als Passion 

03. Mai 2020 // 11 Uhr // Großes Haus

Vom musikalischen Nachleben sakraler Leidenschaften

In der Säkularisierung verflüchtigte sich die Gottesliebe, doch die Passionen blieben - und wanderten in die Musik. Der Vortrag verfolgt religionsgeschichtliche Spuren unserer Musikkultur: von Klagelied und Gesang, vom Lamento der Oper und von der christlichen Musik in glaubensloser Zeit.

Sigrid Weigel ist eine deutsche Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und ehemalige Direktorin des Zentrums für Literaturforschung Berlin (ZfL) und em. Professorin der Technischen Universität Berlin. Am ZfL leitet sie die Projekte „Ikonische Präsenz. Bilder in den Religionen“ und „Susan Taubes-Edition“.

28/06/2020 // Shulamit Bruckstein: Die jüdisch-christliche Tradition ist eine Erfindung(tbc) 

28. Juni 2020 // 11.00 Uhr // Großes Haus 

Auf dem derzeitigen Kampfplatz gibt es vor allem einen Gegner: den Islam. Den Versuch, Jüdisches von Arabischem zu trennen oder gar einer jüdisch-christlichen Geschichte zuzuordnen, kritisiert Bruckstein als Blindheit gegenüber der Geschichte. Es gab keine jüdisch-christliche Tradition, sie ist eine Erfindung der europäischen Moderne und ein Lieblingskind der traumatisierten Deutschen.

Prof. Dr. Shulamit Bruckstein ist Kulturwissenschaftlerin, Philosophin, Kuratorin und Gründerin von ha’atelier/TASWIR projects, einer internationalen Plattform für die Renaissance kosmopolitischerjüdischer und islamischer Traditionen.