Hier finden Sie Konzertmitschnitte der vergangenen Jahre zum Nachhören, Neuhören und Genießen.
Aber auch Konzertkritiken zum Nachlesen, aktuellen Interviews und Werkeinführüngen.

 

6. Sinfoniekonzert 13/14

 

Dienstag - 06.05.2014
Philharmonisches Orchester Freiburg

Solist
Alban Gerhardt (Violoncello)
Dirigent Fabrice Bollon

 


Konzertbericht von Alexander Dick (Badische Zeitung)

 

 

 



Mit freundlicher Unterstützung des SWR.



 

 

PROGRAMM

Arthur Honegger (1892-1955)

Pacific 231 (1923)
Stillstand - Das Anfahren der Lok - Zunehmende Geschwindigkeit -
Fahrt mit Höchstgeschwindigkeit - Abbremsen und Anhalten

Benjamin Britten (1913-1976)

Sinfonie für Violoncello und Orchester Op. 68 (1963)
1. Allegro maestoso
2. Presto inquieto
3. Adagio – Cadenza ad lib
4. Passacaglia: Andante allegro

Béla Bartók (1881-1945)

Konzert für Orchester, Sz 116 (1943)
1. Andante non troppo
2. Giuoco delle coppie. Allegro scherzando
3. Andante non troppo
4. Intermezzo interrotto. Allegretto
5. Finale. Pesante – Presto

 

 

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VORANGEGANGENEN KONZERTEN.

   

 

Arthur Honegger (1892-1955)

Pacific 231
(1923)

 

Arthur Honegger (1892-1955) - Pacific 231 (1923)

Stillstand - Das Anfahren der Lok - Zunehmende Geschwindigkeit -
Fahrt mit Höchstgeschwindigkeit - Abbremsen und Anhalten


 

 

Arthur Honegger. Fotographie von aus dem Jahr 1928

 

Der Schweizer Komponist Arthur Honegger wurde 1892 in Le Havre als Sohn eines Kaffeeimporteurs geboren. Nachdem er seinen Vater überzeugt hatte, sich nicht für die Laufbahn eines Kaufmanns zu eignen, studierte er zunächst in Zürich und später in Paris am dortigen Konservatorium Komposition. In Paris kam auch er in Kontakt mit den einflussreichsten Komponistenpersönlichkeiten seiner Zeit und wurde Teil der berühmten und auch heterogenen Komponist_innengruppe „Groupe des Six“. Honegger, der seine Schweizer Staatsbürgerschaft immer behielt, obwohl er in Frankreich lebte, wurde unter anderem von Paul Sacher in Basel als Mäzen und Dirigent sehr geschätzt und gefördert. In seinem kompositorischen Schaffen vereinte er stilistisch französische und deutsche Stilelemente und eine enorme Breite in den Gattungen. So entstanden sowohl großformatige Werke wie Orchestersinfonien oder Oratorien, Bühnenwerke ebenso wie zahlreiche (über vierzig) Filmmusiken. Das Erlebnis des Faschismus und der Kriege belasteten Honegger sehr, er zog sich innerlich immer mehr zurück und nahm auch zum Musikleben, das er von ökonomischen Zwängen zunehmend beherrscht sah, Distanz ein. 1955 erlag er in seiner Pariser Wohnung einem Herzleiden.

Liebeslied für eine Dampflock

Bewegungsstudie. Hommage an die Geschwindigkeit. Liebeslied an eine Lokomotive. Arthur Honegger setzt in seinem wohl berühmtesten Orchesterwerk Pacific 231 seine Begeisterung für Lokomotiven und das physische Erlebnis des Menschen gegenüber einer großen Maschine in Musik. Eine fest konstruierte Tonfolge prägt das Stück und repräsentiert im musikalischen Material das Maschinenhafte. Dissonant, fast quietschend, setzt sich die Musik in Gang. Tiefe Instrumente bringen die beeindruckende Größe der Lokomotive zum Ausdruck, die pfeifend Signal gibt und knatternd mit den typisch metallenen Rhythmen eines Eisenkolosses und in großer Geschwindigkeit stetig auf ihrem vorgegebenen Weg durch die Landschaft fegt. Ihre Fahrt anzuhalten gelingt mit den heroisch anmutenden Klängen der Blechbläser, die noch einmal auf die imposante Größe der Maschine verweisen, die vor allem im Vergleich zu den kleinen Menschen deutlich wird, die wahrscheinlich im Haltebahnhof auf sie warten.

Pacific 231 war eine der ersten Kompositionen, die auf die veränderte Lebenswelt, die zunehmend von Maschinen geprägt wurde, reagierte. Einige Jahre später, 1949, verwendete der Filmtheoretiker, Kritiker und Filmemacher Jean Mitry die Musik von Arthur Honegger als Filmmusik für seinen Kurzfilm „Pacific 231“.

Honegger über Pacific 231 (1924):
„Ich habe Lokomotiven immer leidenschaftlich geliebt. Für mich sind sie lebende Kreaturen und ich liebe sie so wie Andere Frauen oder Pferde lieben. In Pacific 231 wollte ich nicht den Lärm der Lokomotive nachahmen, sondern einen visuellen Eindruck und einen physischen Genuss ins Musikalische übersetzen. Das Werk geht von der sachlichen Beobachtung aus – das ruhige Atemschöpfen der Maschine im Stillstehen, die Anstrengung beim Anziehen, das allmähliche Anwachsen der Schnelligkeit – bis sie einen lyrischen Hochstand erreicht, die Pathetik eines Zuges von dreihundert Tonnen, der mi 120 km pro Stunde durch die tiefe Nacht stürmt.“

Benjamin Britten (1913-1976)

Sinfonie für Violoncello und Orchester Op. 68
(1963)

 

Benjamin Britten (1913-1976)

Sinfonie für Violoncello und Orchester Op. 68 (1963)

 

1. Allegro maestoso


2. Presto inquieto


3. Adagio – Cadenza ad lib


4. Passacaglia: Andante allegro

 

Rostropovitch und Britten nach einem Konzert (1968)

 

Sinfonie einer Freundschaft

Benjamin Britten hörte den jungen russischen Cellisten Mstislav Rostropovitch 1960 zum ersten Mal in einem Konzert in London. „Das war eine ganz neue Art, das Cello zu spielen, überhaupt eine neue, vitale Art, Musik zu spielen.“ Rostropovitch, mit seinen 33 Jahren schon ein Star, hatte zwar schon den Namen, aber noch nie ein Werk des Komponisten gehört und war davon ausgegangen, Britten sei ein Zeitgenosse Purcells gewesen. Umso überraschter war er, als man ihm Britten nach dem Konzert persönlich vorstellte. Zunächst hielt er das sogar für einen Scherz. Trotz dieser bizarren ersten Begegnung und obwohl der eine kein Russisch, der andere kein Englisch sprach, entspann sich zwischen den beiden Musikerpersönlichkeiten eine jahrelange, tiefe Freundschaft. Für Rostropovitch komponierte Britten denn auch seine Cellosuiten, die Cellosinfonie und die Cellosonate.

Die Sinfonie für Cello und Orchester entstand 1962-1964 auf die Bitte von Rostropovitch, ein Cellokonzert für ihn zu schreiben. „Schreibe für Cello alles, was dein Herz Dir diktiert, egal wie schwer es ist; meine Liebe für Dich wird mir helfen, alle Töne zu meistern, selbst die unmöglichen.“ – Unmöglich wurden die Töne nicht, aber sehr anspruchsvoll. Sowohl dem Cello wie auch dem Zusammenspiel zwischen Cello und Orchester verlangt Britten alles ab.

Im März 1964 heben Mstislav Rostropovitch am Cello und Benjamin Britten am Pult der Moskauer Philharmoniker die neue Komposition in Moskau aus der Taufe. Was da entstanden ist, ist kein Konzert und keine Sinfonie, sondern eine Mischung von beidem, eine Art „konzertante Sinfonie“. Die ersten drei Sätze sind in ihrer Grundstimmung eher dunkel gefärbt. Brittens Faszination für tiefe Stimmen und Akkorde zeigen sich bereits zu Beginn des ersten Satzes. Diese werden nach einer Passage, in der sich das Cello in Klangfetzen immer höher und höher schraubt, abgelöst von einer inneren Unruhe. Sie verschärft sich im zweiten Satz noch, in dem dieser eine große Spannung zwischen Ruhephasen und enormer Hektik aufbaut. Im dritten Satz lotet die Musik die ganze enorme Bandbreite des Tonumfangs des Cellos von den tiefen Lagen bis zu den flehentlich, fast ätherisch klingenden Höhen aus. Als letzten Satz wählt Britten die barocke Form der Passacaglia mit verschiedenen Variationen eines Themas. Das Cello rast in atemberaubendem Tempo durch die Musik. Diese steigert sich immer mehr in ihrem ekstatischen Moment und mündet in einen überraschend lichtvollen Schluss, der an die Hoffnung appelliert.

In ihrem Charakter erinnert die Sinfonie für Cello und Orchester an das zwei Jahre früher entstandene „War Requiem“ und gehört damit zu den Werken der 60er Jahre, in denen Benjamin Britten sich mit den Schrecken und Leiden des zweiten Weltkrieges auseinandersetzte.

Benjamin Britten

Benjamin Britten wurde 1913 in Lowestoft, Suffolk, geboren und studierte 1930-33 in London Komposition. 1937 lernt er seinen Lebensgefährten, den Tenor Peter Pears, kennen, mit dem er zwei Jahre später in die USA geht. 1942 kehren sie jedoch zurück und dem Pazifisten Britten wird Kriegsdienstverweigerung zugestanden. Nach dem Krieg, 1948, gründet Britten in seinem Wohnort Aldeburgh ein Festival, das bis heute besteht und tritt als sehr geschätzter Pianist und Dirigent in Erscheinung. 1976 stirbt er im Alter von 63 in Aldeburgh, Suffolk. Zu seinen Werken gehören neben Orchester- und Kammermusik auch sehr viele Vokalwerke, unter ihnen beispielsweise die Opern „Peter Grimes“ und „A Midsummer Night’s Dream“ oder sein berühmtestes Chorwerk „War Requiem“.

 

Britten House an der Cliff Road, Lowestoft, Geburtshaus von Benjamin Britten

Béla Bartók (1881-1945)

Konzert für Orchester, Sz 116
(1943)

 

Eines der letzten Fotos von Bela Bartók

 

Béla Bartók (1881-1945)

Konzert für Orchester, Sz 116 (1943)

1. Andante non troppo


2. Guioco delle coppie. Allegro scherzando


3. Andante non troppo


4. Intermezzo interrotto. Allegretto


5. Finale. Pesante – Presto

 

Trotz alledem: Ernst, Klage und ein Ja zum Leben

Der überzeugte Pazifist und Antifaschist Béla Bartók war seiner Heimat Ungarn eng verbunden. Das zeigte sich allein in seinem großen Interesse an Volksliedmelodien. Ausgestattet mit einem „Phonographen“ reiste er immer wieder durch das Land, gelangte in entlegene Bergdörfer und hielt die von Generation zu Generation weitergegebenen Gesänge auf Tonwalzen fest. Nach und nach ergänzte er diese Sammlung auch durch slowakische, rumänische und arabische Volkslieder, die schließlich etwa 7000 Melodien umfasste.

Bela Bartók phonographiert slowakische Volkslieder (1907)

Umso härter traf es ihn, als er sich aus politischen Gründen gezwungen sah, im Oktober 1940 in die USA auszuwandern und den „Sprung ins Ungewisse aus dem gewussten Unerträglichen“ zu wagen: Er emigrierte nach New York, wo ihn harte Jahre erwarteten, geprägt von Existenzängsten, schwerer Krankheit, Entwurzelung und dem zermürbenden Lärm der Großstadt. Im Februar 1943 brach Bartók bei einer Vorlesung an der Columbia-Universität, wo er einen Lehrauftrag hatte, geschwächt zusammen. Die Diagnose: „chronische Leukämie“. Ein Sanatoriumsaufenthalt brachte Linderung, ließ aber wenig Hoffnung auf eine auch materiell leichtere Zukunft.

In seiner Kur, die ihm von der amerikanischen Vereinigung der Komponisten, Autoren und Verleger (ASCAP) ermöglicht wurde, erhielt er im Mai 1943 Besuch von Serge Koussevitzky, dem einflussreichen Dirigenten der Bostoner Symphoniker. Dieser überreichte ihm einen Scheck seiner Stiftung über 500 Dollar und den Auftrag, ein Orchesterstück zu schreiben. Bartók hatte zwar seit gut vier Jahren nichts mehr komponiert, machte sich aber noch im August desselben Jahres inspiriert ans Werk. Innerhalb kurzer Zeit, Anfang Oktober 1943, war das Konzert für Orchester bereits fertig. Ein knappes Jahr später, am 1. Dezember 1944 wurde es in Boston unter Leitung von Koussevitzky uraufgeführt, von wo aus seine Erfolgsgeschichte als beliebtestes Orchesterwerk Bartóks ihren Lauf nehmen konnte.

Mit dem Konzert für Orchester griff Bela Bartók auf eine Idee aus dem Jahr 1939 zurück, die im 19. und 20. Jahrhundert nur wenige Vorreiter hatte. Es war die Idee eines modernen, auf großes Sinfonieorchester zugeschnittenen Concerto grosso, eine im Barock sehr übliche Form miteinander konzertierender Orchester- und Instrumentengruppen. „Die allgemeine Stimmung der Komposition kann – mit Ausnahme des spaßigen zweiten Satzes – als ein schrittweiser Übergang vom Ernst des ersten Satzes und dem Klagelied des dritten zur Lebensbejahung des Schlusssatzes angesehen werden. Der Titel des sinfonieartigen Orchesterwerkes wird durch die konzertierende oder solistische Verwendung gewisser Instrumente bzw. Instrumentengruppen gerechtfertigt.“ (Bela Bartók zu seinem „Konzert für Orchester“)

Das Konzert für Orchester umfasst 5 Sätze, die um den dritten Satz, den Bartók selbst als Klagelied bezeichnet, gruppiert sind.

Ein für das gesamte Werk wichtige Intervall ist die Quarte, die beispielsweise im ersten Satz, der „Introduzione“, zu Beginn die Melodiegebilde prägt, indem sie aufeinandergeschichtet und gespiegelt verwendet wird. Mit der Spieldauer von 10 Minuten und der Klangprachtentfaltung der Bläser in der Durchführung, die an alte venezianische Bläsermusik erinnert, erscheint der Satztitel „Einleitung“ fast ironisch. Der zweite Satz, „Guioco delle coppie“ ist ein heiteres Aufspielen von Instrumentenpaaren. Wie in einem alten Gemälde wird der „Tanz der Instrumente“ mit der kleinen Trommel eröffnet. Paarweise schreiten die Fagotte im vornehm wirkenden Abstand einer kleinen Sexte, die Flöten im volkstümlich anmutenden Quintabstand, die Trompeten im Sekundabstand in den Saal. Eine an einen geistlichen Choral erinnernde Blechbläsersequenz beendet das „Spiel der Paare“, während die kleine Trommel das Bild, das sie zu Beginn aufgerufen hat, wie in einem Traum wieder verschwinden lässt. Der dritte Satz, „Elegia“, den der Komponist selbst als „kummervolles Klagelied“ bezeichnet, steht in der Mitte der Komposition. Zu Beginn dieses Satzes greift Bartók in den Kontrabässen auf das Quartthema des ersten Satzes zurück und spiegelt den großformalen, fünfteiligen Aufbau im Kleinen. Bartók selbst schrieb dazu: „Die Konstruktion ist kettenartig, drei Themen folgen nacheinander. Sie bilden den Kern des Satzes und sind von einem verschwommenen Gewebe gestaltenloser Motive umgeben.“

Im vierten Satz inszeniert Bartók mehrere abrupte Szenenwechsel. „Intermezzo interrotto“ (unterbrochenes Zwischenspiel) nennt er ihn deshalb auch: eine einsame, seltsam fröhliche, volksliedhaft anmutende Oboenmelodie eröffnet den Satz und wird von einer fast plakativen Walzermelodie, die jäh von knarrenden Posauneneinwürfen beendet wird, abgelöst. „Der Komponist bekennt seine Liebe zu seiner Heimat, doch wird die Serenade von roher Gewalt plötzlich unterbrochen: derb bestiefelte Männer überfallen ihn und zerbrechen sogar sein Instrument.“ (Bartók zum Pianisten György Sándor über diese Stelle) Noch einmal nimmt die Musik Anlauf und entfaltet eine romantische Streicherwelt. Doch auch hier gibt es kein Verweilen. Geigen und Bratschen spielen am Schluss nur noch gedämpft (con sordino). Alles Strahlende, Weitsingende ist weggefegt. Im mitreißenden, energiegeladenen Finale zieht Bela Bartók noch einmal alle Register. Eine Hornfanfare leitet diesen Satz ein und wird später zu einem Thema für einen kunstvollen Fugenabschnitt. In aberwitzigem Tempo rast das Orchester durch die Zeit. Das Boston Symphony Orchestra, das stolz war auf seine virtuosen Fähigkeiten, konnte hier seine ganze Pracht in einem publikumswirksamen Finale entfalten. Ein wilder, ausgelassener Tanz des Lebens.

 

Serge Koussevitzky// Photo: John Garo (Bain News Service) 

 

 

Serge Koussevitzky wurde 1874 in einem kleinen Ort, 250 km von Moskau entfernt, als Sohn zweier jüdischer Orchestermusiker geboren. Bereits im Alter von 14 Jahren ging er zum Studium (Kontrabass und Dirigieren) nach Moskau, lebte und arbeitete als Kontrabassist, Dirigent und Verleger in Berlin, St. Petersburg, Paris und seit 1924 in Boston, wo er bis 1949 Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra war. 1937 gründete er das Tanglewood Music Festival, eines der bis heute wichtigsten Klassik-Festivals der USA. An all seinen Lebensstationen war er ein Förderer russischer und europäischer Komponisten.