Hier finden Sie Konzertmitschnitte der vergangenen Jahre zum Nachhören, Neuhören und Genießen.
Aber auch Konzertkritiken zum Nachlesen, aktuellen Interviews und Werkeinführüngen.

 

2. Sinfoniekonzert 11/12


Dienstag - 13.12.2011


Mit
Philharmonischem Orchester Freiburg
Solist_innen Bertold Quartett
Dörte Weiblen (Viola) / Michael Dinnebier (1. Violine)
Katja Schill-Mahni (2. Violine) / Markus Tillier (Violoncello)

Dirigent Gerhard Markson

Konzertbericht von Alexander Dick (Badische Zeitung)

 

Das Bertold Quartett


Aktuelle Besetzung: Dörte Weiblen / Michael Dinnebier / Katja Schill-Mahni / Tomohisa Yano



Das Bertold Quartett (Aktueller Besetzung) im Gespräch mit der Konzertdramaturgin Helga Maria Craubner über die Königsdisziplin Streichquartett und das Orchesterspiel, die Authentizität in der Musik von Bohuslav Martinu und der Situation der Musiker_innen in Zeiten von Corona.

Telefonkonferenz-Schaltung

 

 

PROGRAMM


Ludwig van Beethoven (1770-1827)
Sinfonie Nr. 4 B-Dur, op. 60 (1806)
Adagio. Allegro vivace
Adagio
Menuetto. Allegro vivace – Trio. Un poco meno Allegro
Allegro ma non troppo

Bohuslav Martinu (1890-1959)
Konzert für Streichquartett und Orchester (1931)
Allegro vivo
Adagio
Tempo moderato

Johannes Brahms (1933-1897)
Sinfonie Nr. 4 e-Moll op. 98 (1885)
Allegro non troppo
Andante moderato
Allegro giocoso
Allegro energico e passionato

 

HIER GEHT ES ZU DEN
VORANGEGANGENEN KONZERTEN.

Mit freundlicher Unterstützung des SWR.

   

Ludwig van Beethoven
(1770-1827)

Sinfonie Nr. 4 B-Dur, op. 60
(1806)

 Ludwig van Beethoven
(1770-1827)

Sinfonie Nr. 4 B-Dur, op. 60 (1806)

Adagio. Allegro vivace


Adagio


Menuetto. Allegro vivace – Trio. Un poco meno Allegro


Allegro ma non troppo

 

Ludwig van Beethoven (1803)
Gemälde von Christian Horneman


Eine „griechisch schlanke Maid“ sei sie, meinte Robert Schumann. – Und, verglichen mit ihren beiden gewichtigen Schwestern, der EROICA und der 5. Sinfonie, kommt die vierte Sinfonie in B-Dur tatsächlich sommerlich-leicht daher: Die Orchesterbesetzung auf die Größe der Mozart- und Haydn-Besetzung reduziert, ebenso in ihrer zeitlichen Ausdehnung und der Charakterisierung der vier Sätze. Ludwig van Beethoven verlieh jedoch auch ihr, wie allen seinen Sinfonien, einen ganz eigenen, individuellen Charakter. Kein Programm oder musikalischer Kommentar zum Zeitgeschehen ist ihr eigen, sondern die alleinige Konzentration auf die Musik, verbunden mit inniger emotionaler Tiefe.

Die langsame Einleitung, die tonartlich noch unbestimmt mit einem leeren „b“ beginnt, ist nicht mehr die festlich-konzentrierte Einstimmung auf das nachfolgende Geschehen wie in der Zeit vor Beethoven. Sie verbreitet vielmehr eine fast düstere Stimmung, die schließlich in einem wuchtigen Fortissimo aus sich herausbricht und mit diesem Element auch das folgende Allegro prägt. Dynamische Entwicklungen drängen sich vor die motivische Arbeit in den Vordergrund. Ähnliches geschieht auch im Finale, dessen Habitus dem klassischen „Kehraus“-Satz gleicht. Hier ist eine sehr bewegte Energie das vorherrschende Element, das sich aus dem Hauptthema heraus entwickelt hat.
Die beiden Mittelsätze kontrastieren das Vorwärtsdrängen der Ecksätze. Der dritte Satz, ein Scherzo mit einem ausgedehnten, fünfteiligen Trio, rückt die rhythmisch interessante Kombination eines Zweier-Rhythmus innerhalb eines Dreier-Taktes in den Vordergrund. Der zweite Satz, das Adagio dagegen, entfaltet seine melodische Gesanglichkeit mit weitgespanntem Atem. „Es ist so rein in den Formen, der Ausdruck der Melodie ist so engelhaft und von so unwiderstehlicher Zärtlichkeit…“, schwärmte schon Hector Berlioz.

Entstanden ist die 4. Sinfonie Ludwig van Beethovens in engem zeitlichen Zusammenhang zu seiner dritten und fünften. Es ist das Auftragswerk des Grafen Franz Joachim von Oppersdorff, dem das Werk auch gewidmet ist. Vermutlich in Gegenwart des Auftraggebers wurde sie erstmals im März 1807 in der Wiener Wohnung des Fürsten Lobkowitz uraufgeführt. Die öffentliche Uraufführung fand am 15. November desselben Jahres im Wiener Burgtheater statt.

 

Schloss Oberglogau (heute) //
© Slawomir Milejski

 

Das Wiener Burgtheater (heute) //
© Gerd Eichmann

 

 

Zusammen mit seinem Freund und Förderer Fürst Lichnowsky bereiste Beethoven im Sommer 1806 auch Schlesien. Bei dieser Gelegenheit besuchten sie auch den Grafen Franz Joachim von Oppersdorff, der auf dem Schloss Oberglogau lebte und eine eigene Kapelle unterhielt. Oppersdorff bestellt bei Beethoven eine Symphonie, die Vierte.

Bohuslav Martinu
(1890-1959)

Konzert für Streichquartett und Orchester
(1931)

 

 

Bohuslav Martinu

Bohuslav Martinu
(1890-1959)

Konzert für Streichquartett und Orchester (1931)

Allegro vivo


Adagio


Tempo moderato

     

Aleš Brezina wurde 1965 in Teplice (CZ) geboren, studierte Violine am Konservatorium Pilsen und Musikwissenschaft an der Karlsuniversität in Prag. Ein Fortbildungs-Studium führte ihn an die Universität Basel und in die Forschungsräume der Sacher-Stiftung. Seit 1994 ist Dr. Aleš Brezina Direktor des Martinu-Instituts in Prag, Editionsleiter der Martinu-Gesamtausgabe, Herausgeber der Martinu-Studien und

regelmäßiger Gastdozent an verschiedenen Universitäten wie der Universität von Brno (CZ) oder Wisconsin-Madison (USA). (statt Mitglied der Akademie der Wissenschaften...)

Parallel zu seiner wissenschaftlichen Tätigkeit ist er erfolgreicher Film- und Opernkomponist. Seine Oper Zítra se bude... (Morgen wird...) wurde 2010 von Jan Hrebejk verfilmt.

Martinu-Institut Prag
Dr. Aleš Brezina



Dr. Aleš Brezina //
© L. Jansch

Telefoninterview Dr. Aleš Brezina im Gespräch mit der Konzertdramaturgin Helga Maria Craubner über die Arbeit des Bohuslav Martinu-Institut in Prag, das Leben und Schaffen Bohuslav Martinus und das Konzert für Streichquartett und Orchester.

 

Bohuslav Martinu: ...IM HERZEN DER MUSIK

Wie so viele Künstlerinnen und Künstler der Zeit, zog es auch Bohuslav Martinu in die Kulturmetropole Paris. - Geboren jedoch wurde er 1890 in einem Kirchturm. Denn sein Vater Ferdinand war Türmer der Jakobskirche im böhmischem Policka und wohnte mit seiner Familie in der Dienstwohnung im Kirchturm. Früh erhielt Bohuslav, den man heute vermutlich als „hochbegabt“ bezeichnen würde, Violinunterricht und bestand als 16-Jähriger die Aufnahmeprüfung für das Prager Konservatorium. Zu einem Musterschüler brachte es der Freigeist dennoch nicht. Wegen „unverbesserlicher Liederlichkeit“ wurde er 1910 vom Konservatorium ausgeschlossen. Das, wonach er gesucht hatte, konnte er im Unterricht, der noch von der Ästhetik des 19. Jahrhunderts geprägt war, nicht finden. Da er sein Diplom als Violinist jedoch bestanden hatte, verdiente er zunächst als Pädagoge und Orchesteraushilfe seinen Lebensunterhalt. Auf einer Orchesterreise lernte er Paris kennen und entschloss sich 1923, dorthin umzusiedeln und Kompositionsunterricht bei Albert Roussel zu nehmen. - Die Entdeckungsreise eines der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts konnte ihren Verlauf nehmen.

Das Innere der Türmerwohnung in Policka
(Heute: Museum)

Historische Ansichtskarte von Policka

St. Jakob-Kirche in Policka

Diese Entdeckungsreise mit dem Ziel, die Einheit von inhaltlicher Aussage und Form zu finden, führte Martinu zu den Wurzeln der tschechischen Musik, zum Ballett, Jazz, Kammermusik – und einer Auseinandersetzung mit dem barocken Concerto grosso. Gerade letzteres wurde zu einer der bevorzugten Formen des Komponisten, der sich mit ihm „im Herzen der Musik“ fühlte. Eine erste Äußerung aus diesem „Herzen“, war das Konzert für Streichquartett und Orchester. Es entstand 1931 als Auftragswerk des belgischen Quatuor Pro Arte. Das Konzertieren zwischen dem Streichquartett als solistische Einheit und dem klassisch besetzten Orchester steht in diesem Werk, das auch Anklänge an die zu jener Zeit aktuellen neobarocken Tonsprache anklingen lässt, im Vordergrund. Im ersten Satz, einem lebhaften Allegro, tritt das Konzertieren hemdsärmelig-zupackend auf die Orchesterbühne. Das dunkel eingefärbte Adagio entwickelt seine chromatische Dramatik auf einen dramatischen Höhepunkt zu und bildet einen deutlichen atmosphärischen Kontrast zu den Ecksätzen. Der Schlusssatz, ein Rondo, kommt dagegen wieder in lebendiger Spielfreude daher und gibt sich wieder dem direkten Dialog von Streichquartett und Orchester hin

Die Uraufführung des Konzert für Streichquartett und Orchester fand am 10. Oktober 1932 in London statt.

Johannes Brahms
(1933-1897)

Sinfonie Nr. 4 e-Moll op. 98
(1885)

Johannes Brahms (1887)
Fotografie von Fritz Luckhardt 

Johannes Brahms (1933-1897)

Sinfonie Nr. 4 e-Moll op. 98 (1884/85)

Allegro non troppo


Andante moderato


Allegro giocoso


Allegro energico e passionato


Liebevoll, aber eben auch bissig war der Spott, den man in Wien nicht lange zurückhielt. - Das traf auch einen längst etablierten Komponisten wie Johannes Brahms: Seine vierte Sinfonie war vor Kurzem fertig geworden. Die Uraufführung in Meiningen vom 25. Oktober 1885 unter Leitung des Komponisten und die anschließende Tournee des Hoforchesters Meiningen unter Hans von Bülow durch Westdeutschland und Holland waren sehr erfolgreich gewesen. Die Wiener Erstaufführung der 4. Sinfonie unter Leitung von Hand Richter jedoch, ließ das Publikum ratlos zurück. Und so kam es, dass auf das so charakteristische Motiv des Beginns folgender Text gedichtet und gesungen wurde:

                  
 

Blick auf die Ortschaft Mürzzuschlag
in der Steiermark um 1900 

Entstanden war Brahms‘ vierte und letzte Sinfonie, die als eine der bedeutendsten Sinfonien in die Musikgeschichte eingehen sollte, in den Sommermonaten der Jahre 1884 und 1885. Brahms verbrachte seine Sommerferien in Mürzzuschlag, einem auf 688 Höhenmeter gelegenen Ort in der Steiermark. Wie so viele seiner Kollegen hatte er dann endlich die Zeit und Muße, an einem größeren Werk zu schreiben. Er selbst war sich jedoch dessen bewusst, dass sein neues Werk nicht sofort eingängig sein würde. „Im Allgemeinen sind ja leider die Stücke von mir angenehmer als ich… Aber in hiesiger Gegend werden die Kirschen nicht süß und essbar…“, schrieb er, seine neue Komposition ankündigend, in gewohnter Selbstironie an die befreundete Elisabet von Herzogenberg.

 


Die Pianistin, Komponistin, Sängerin und Mäzenin Elisabet von Herzogenberg (geb. von Stockhausen) und ihr Ehemann Heinrich von Herzogenberg. Elisabet von Herzogenbergs Meinung schätzte Brahms sehr und so war auch sie die erste Ansprechpartnerin für die neu komponierte 4. Sinfonie.



Photographie (Photograph unbekannt) 

Johannes Brahms verstand es wie kein Zweiter, feinsinnigen kammermusikalischen Anspruch mit der Form und Besetzung der großen Sinfonie zu vereinen. Das verunsicherte natürlich, nicht zuletzt auch ihn selbst. Waren doch die Sinfonien des 19. Jahrhunderts generell durch eine Aussage mit Allgemeingültigkeitsanspruch an ein breites Publikum gerichtet. Brahms‘ Musik hingegen wandte sich eher an Kenner_innen und Liebhaber_innen. Gleichzeitig ebnete dieses Werk den Weg für die Zukunft.

Vielgestaltige Motive verdichten sich allmählich zu einem Themenkomplex, die beiden Ecksätze sind mit einer bis dahin nie da gewesenen Konsequenz miteinander verknüpft. Hinweise auf die formale Gestaltung des musikalischen Materials im Rahmen einer Sonatenhauptsatzform sind jetzt in allen vier Sätzen zu erkennen. Variationen des Hauptmotivs beginnen im ersten Satz schon in der Exposition, teilweise bereits beim zweiten Auftreten. So entsteht der Eindruck einer großen Dichte und Konzentration der Einfälle. Mit dem zweiten Satz, den ein feierliches Bläserthema prägt, wehen Erinnerungen an Kirchenmusik in den Konzertsaal. Der dritte Satz kippt die ihm eigene Fröhlichkeit, das Burleske, durch rhythmische Akzente und Kontraste in der Dynamik bisweilen fast ins Groteske. Eine groß angelegte Passacaglia, ein Variationensatz, der sich mit der Sonatenhauptsatzform verbindet, ist das Finale. Hier bestätigt sich der kirchenmusikalische Einschlag durch die Ausgestaltung des Hauptthemas nach der Bach-Kantate Nach Dir, Herr, verlanget mich (BWV 150). In diesem Satz vereinen sich alle Fäden, die die Sinfonie als dichtes Netz durchziehen.

Elisabet von Herzogenberg drückte die Faszination und Herausforderung, die angesichts dieser Konsequenz und Dichte an Überforderung grenzt, Johannes Brahms gegenüber mit folgenden Worten aus: „Man ist förmlich wie auf der Jagd nach einem Brocken dieses und jenes Themas, ja, wo es einmal auch nicht steckt, wittert man es und wird unruhig. Man möchte einmal die Hände falten, die Augen schließen und dumm sein dürfen, an dem Herzen des Künstlers ruhen und nicht so rastlos von ihm in die Weite getrieben werden.“